FEI SPORTS FORUM 2025

Wie geht es mit der Dressur weiter?

Ein Artikel von Redaktion | 01.04.2025 - 14:45
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© G ARIAS-SCHREIBER www.arias-schreiber.com

Die Disziplin steht seit vielen Monaten unter besonderer Beobachtung, Kritik kommt sowohl von außerhalb als auch von innerhalb der Pferdewelt. Erst im Jänner hatte die FEI eine neue Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die einen umfassenden strategischen Aktionsplan erstellen soll, um den Dressursport wieder auf den rechten Weg zu bringen.

Am Montag wurden in Lausanne nun die ersten Ergebnisse und Überlegungen der Expertengruppe präsentiert, bevor einige Themen gemeinsam mit dem Plenum diskutiert wurden.

Den Auftakt machte dabei das Richten. Große Einigkeit herrschte darüber, dass der Fokus wieder mehr auf Harmonie und Durchlässigkeit liegen müsse anstelle von Spektakel.

„Ich bin jetzt seit etwa 50 Jahren in diesem Sport dabei und habe verschiedene Trends miterlebt. Es gab eine Zeit, da war Dressur eher langweilig. Wir wollten mehr Menschen für den Sport begeistern und der Weg dahin war, ihn spektakulärer zu machen. Aber jetzt glaube ich, dass wir die Grenze überschritten haben. Wir müssen ein Stück zurückgehen, sodass die Pferde nicht in jeder Bewegung, jedes Mal, wenn sie in die Arena gehen, zu 150 % gefordert werden. Ich hoffe, dass die Richter sich darauf konzentrieren werden“, sagte Kyra Kyrklund (FIN), sechsfache Olympiateilnehmerin und Vizepräsidentin des International Dressage Riders Club.

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"Alles steht in den Regeln. Es ist nichts Neues. Aber wir müssen uns wieder mehr darauf fokussieren, Tanzpartner zu sein", meint Kyra Kyrklund. © G ARIAS-SCHREIBER www.arias-schreiber.com

Die deutsche Bundestrainerin Monica Theodorescu schloss sich Kyrklund an. „Wir trainieren das, was die Richter sehen wollen, die Reiter reiten entsprechend danach und fordern von ihren Pferden genau das, was die höchsten Bewertungen bringt. Das ist ganz logisch. Aber wir haben ein wenig den Weg der Grundprinzipien der Ausbildungsskala verloren. Und genau das ist das Dilemma, in dem wir uns momentan befinden. Ich denke aber, dass wir es mit den bestehenden Regeln, mit guten Trainern, guten Richtern, mit Bildung und vor allem mit viel Verständnis für das Wohlbefinden der Pferde lösen können. Wir müssen erkennen, wo Anzeichen von Konflikten und Stress auftreten und wie wir sie identifizieren können. Das ist etwas, das wir aus der Wissenschaft lernen müssen. Und ich glaube, dass Dressurausbildung – von den Anfängen bis zum Grand Prix – tatsächlich eine Wissenschaft ist. Wahrscheinlich brauchen wir Wissenschaftler, die uns mit anderen Worten beweisen, was wir eigentlich schon wissen. Aber wenn wir es richtig machen, wenn wir Reiter, Trainer und Richter entsprechend ausbilden, dann haben wir eine großartige Chance auf einen fantastischen Sport – so, wie wir ihn in Paris gesehen haben.“

Raphal Saleh, 4*-Dressurrichter aus Frankreich wies auf die Wichtigkeit einer einheitlichen Linie hin: „Wenn wir ein Gremium von sieben Richtern haben, beträgt unser individueller Einfluss etwas mehr als 14 %. Und wir haben die 5-%-Regel, sodass der Einfluss eines einzelnen Richters nicht sonderlich groß ist. Deshalb ist es entscheidend, als Team zu arbeiten und eine klare Linie zu haben, in welche Richtung wir gehen wollen.“ Es sei an der Zeit, Kontinuität zu schaffen und Harmonie sowie das Gesamtbild zu verbessern. „Daran werden wir alle hart arbeiten.“

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„Was sehr wichtig ist, ist, als Team zu arbeiten und eine klare Linie zu haben, wohin wir wollen", sagt 4*-Dressurrichter Raphael Saleh. © G ARIAS-SCHREIBER www.arias-schreiber.com

Hilfe könnte bei dieser Aufgabe der Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) bieten. „KI zeigt in anderen Sportarten bereits ihren Nutzen, und wir müssen genauer untersuchen, wie uns neue Technologien dabei helfen können, die Komplexität beim Richten zu verringern. Die Idee ist nicht, dass wir in fünf Jahren keine Richter mehr haben. Aber ich denke, es gibt viele Möglichkeiten und Systeme, die den Richtern mehr Spielraum geben damit sie sich auf die wirklich wichtigen Aspekte konzentrieren und danach bewerten können“, meinte Klaus Roeser, Vorsitzender des Dressurausschusses der deutschen FN.

Lisa Berg, Tierärztin und Professorin an der Universität Kopenhagen und selbst Dressurreiterin betonte, dass der eigentliche Sinn der Dressur wieder mehr in den Fokus rücken müsse und die Vorbildfunktion des Top-Sports nicht vergessen werden darf: „Was wir wirklich mit der Dressur erreichen wollen, ist, starke Pferde zu entwickeln – mental stark, körperlich stark. Als Tierärztin ist das für mich besonders wichtig, weil es uns dabei hilft, Pferde zu haben, die glücklich und gesund sind – Pferde, die mit den Anforderungen umgehen können, auch in einem eher amateurhaften Umfeld zu Hause. Denn das, was wir auf den großen Turnieren sehen, hat direkten Einfluss auf das, was im Alltag passiert. Deshalb freue ich mich sehr, dass dies einer unserer Schwerpunkte ist.“

Wie Dressur aussehen sollte, verdeutlichte sie mit einer gelungenen Analogie: „Wenn wir uns Ballett anschauen und ein Tänzer völlig schweißgebadet und sichtbar erschöpft auf die Bühne kommt, dann ist das nicht das, was wir sehen wollen. Und ich denke, bei der Dressur ist es ebenso – wir wollen, dass es leicht aussieht.“ Die Herausforderung bestehe nun darin, das Publikum davon zu überzeugen, dass in dieser Leichtigkeit viel Arbeit und Anstrengung steckt. „Nur weil es mühelos erscheint, ist es nicht langweilig. Diese Feinheit zu vermitteln, wird eine echte Herausforderung sein – aber genau darum geht es in unserer Diskussion.“

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"Was wir auf den großen Turnieren sehen, hat direkten Einfluss auf das, was im Alltag passiert", meint Lisa Berg. © G ARIAS-SCHREIBER www.arias-schreiber.com

Streitpunkt Kandare

Die Kandarenpflicht im Spitzensport ist seit Langem ein viel diskutiertes Thema. Auch die Expert:innen der Arbeitsgruppe haben sich intensiv damit auseinandergesetzt. Eine abschließende Antwort auf die Frage, ob die Kandare auf Top-Niveau obligatorisch bleiben soll, gibt es bislang noch nicht. Doch der allgemeine Tenor geht eher in Richtung Beibehaltung.

„An diesem Punkt geben wir noch keine wirklichen Empfehlungen ab. Ich denke, innerhalb der Gruppe hat jeder seine eigene Meinung dazu“, sagte George Williams, ehemalige Präsident der US-Dressurvereinigung und Leiter der Arbeitsgruppe. Entscheidend sei für die Verwendung der Kandare die Ausbildung der Pferde. „Pferde müssen richtig ausgebildet sein, um korrekt auf Kandare geritten werden zu können. Ich muss ehrlich sagen, dass es mich wirklich stört, wenn ich 5- und 6-jährige Pferde sehe, die bereits mit Kandare vorgestellt werden. Für mich ist das völlig unpassend.“

Diskutiert werde darüber hinaus auch über die Kandarenreife der Reiter: „Die Kandare überprüft auch die Kompetenz des Reiters, sie sollte also nur von Reitern genutzt werden, die über die nötige Erfahrung und die richtige Ausbildung verfügen. Für mich persönlich stellt sich hier die Frage: Ist es wirklich angemessen, dass Junioren mit Kandare auf Turnieren starten dürfen? Haben sie überhaupt die nötige Erfahrung?“

Kyrklund sieht die Kandarenutzung im Nachwuchsbereich ebenfalls kritisch. „Ich erinnere mich, als die Junioren bei Europameisterschaften nur mit Trense reiten durften. Dann wurde die Regel geändert, weil einige Pferde nicht in Anlehnung gingen. Aber wenn man eine Kandare braucht, um den Kopf des Pferdes nach unten zu bekommen, dann macht man etwas falsch. Ich finde, die Kandare ist ein großartiges Werkzeug, aber es ist ein bisschen so, wie bei uns in Finnland: Wir benutzen Messer – wir benutzen sie zum Essen, und sie sind dafür sehr nützlich. Aber manchmal werden Menschen mit Messern getötet. Es ist also nicht das Messer, das jemanden tötet, sondern die Person, die es in der Hand hält.“

Für eine Abschaffung der Kandarenpflicht kann sich die Expertengruppe nicht recht erwärmen. „Ich habe ein wenig Bedenken, eine Ausrüstung einfach zu verbieten, nur weil wir denken, dass sie in den falschen Händen nicht gut ist. So sollten wir das nicht betrachten“, meinte etwa Monica Theodorescu.

„Das Problem ist, dass wir nicht wollen, dass die Trense nur benutzt wird, um bessere Bewertungen zu bekommen. Vielleicht gibt es Richter, die denken: ‚Dieser Reiter benutzt eine Trense, er ist ein guter Reiter‘ – und belohnt in dann automatisch mit höheren Noten“, gab Klaus Roeser zu bedenken.

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"Wir müssen vorsichtig sein, etwas nur deshalb zu ändern, weil es nach außen hin gut aussieht oder uns kurzfristig positive Presse bringt", warnt Klaus Roeser. © G ARIAS-SCHREIBER www.arias-schreiber.com

Aus Richtersicht sei das eher kein Problem, wie Raphael Saleh entgegnete. „Beim Bewerten eines Pferdes macht es keinen Unterschied, ob mit Trense oder Kandare geritten wird. Das Thema ist ja nicht das Werkzeug, sondern wie wir es verwenden. Ob ich eine Trense oder eine Kandare mit Unterlegtrense falsch anwende wird letztlich die gleichen Konsequenzen für die Qualität des Kontakts, der Verbindung und des Mauls des Pferdes haben. Deshalb müssen wir uns wirklich auf das Wesentliche konzentrieren, auf die Qualität des Kontakts selbst und auf die Reitweise.“

Derzeit prüft die Arbeitsgruppe die Möglichkeit, die Kandare auf Drei-Sterne-Niveau optional zu machen um zu sehen, welche Ergebnisse sich daraus ergeben. „Wir müssen vorsichtig sein, etwas nur deshalb zu ändern, weil es nach außen hin gut aussieht oder uns kurzfristig positive Presse bringt. Wir denken über diese Veränderung nach, aber nicht sofort und nicht im absoluten Spitzensport. Genau deshalb gehen wir hier vorsichtig vor“, so Roeser.

Auch Lisa Berg betonte die Notwendigkeit, alle Schritte im Vorfeld umfassend zu prüfen, bevor man neue Regelungen einführe. „Man muss immer an die potenziellen Konsequenzen denken. Alles, was wir tun, wird Auswirkungen haben. Hoffentlich werden diese Auswirkungen positiv sein, aber manchmal muss man eine Menge Vorstellungskraft aufbringen, um sich auszumalen, was passieren könnte, wenn wir das tun. Einige Leute werden vielleicht sagen: ‚Ach, das ist doch einfach.‘ Aber nein, das ist es nicht unbedingt, denn manchmal haben Dinge Konsequenzen, an die wir nicht gedacht haben.“
 

Rückkehr der Schlussnoten?

Es gibt durchaus auch Maßnahmen, die keiner langen Prüfung bedürfen, zumal deren Auswirkungen hinlänglich bekannt sind. Die Wiedereinführung der 2018 aus den Protokollen gestrichenen Schlussnoten könnte eine solche Maßnahme sein. Dieser Vorschlag aus dem Plenum fand bei einigen Mitgliedern der Abreitsgruppe großen Anklang. „Das klingt nach Musik in meinen Ohren“, meinte etwa die deutsche Bundestrainerin. „Wir als deutsche FN bringen die Schlussnoten immer wieder aufs Tapet, in Österreich vertritt man dieselbe Position. Die Schlussnoten sind ein gutes Werkzeug, um die Prinzipien des Trainings zu überprüfen.“ Ins selbe Horn stieß 4*-Richter Saleh: „Wir Richter sind der Meinung, dass die Schlussnoten ein wichtiger Bestandteil der Bewertung waren, weil sie noch einmal den allgemeinen Eindruck des Rittes widerspiegeln. Die derzeitige Lösung mit einer Gesamtnote hat nicht genügend Einfluss, um das gesamte Bild zu reflektieren. Wenn wir die Schlussnoten wieder in vollem Umfang nutzen könnten, würde das helfen. Aber darüber reden wir noch.“

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„Dies ist eine der besten Gelegenheiten, die wir je hatten… um die Zukunft des Sports zu sichern", ist FEI-Dressurchef Ronan Murphy überzeugt. © G ARIAS-SCHREIBER www.arias-schreiber.com

Kommunikation und Umgang mit Kritik

Die Kommunikation mit Reitern, mit Fans und mit Kritikern war während der Diskussion immer wieder Thema. Vor allem der Umgang mit Kritik sei nicht einfach, doch einfach abzuwarten, dass der Sturm irgendwann vorüberziehen werde, sei definitiv keine Option. „Manchmal kann der richtige Umgang mit Kritikern sehr schwierig sein, weil sie in ihren Ansichten sehr festgefahren sind, aber wir müssen uns damit auseinandersetzen“, betonte Ronan Murphy. Der FEI-Dressurchef sieht die aktuelle Krise als Chance: „Dies ist eine der besten Gelegenheiten, die wir je hatten… um die Zukunft des Sports zu sichern.“

Die FEI-Arbeitsgruppe plant, bis Anfang 2027 einen umfassenden Aktionsplan vorzulegen. In der Zwischenzeit sind alle Interessengruppen eingeladen, weiterhin Ideen, Forschung und praktische Erfahrungen beizutragen, um die Zukunft des Sports von innen heraus zu gestalten.